Erdmann Tilke


12. Juli 1932 Kanth

Erdmann Tilke ist schwer kriegsverletzt und muss seinen Lebensunterhalt von Wohlfahrtsunterstützung bestreiten. Mit seiner Ehefrau und der fünfjährigen Tochter lebt der 37-Jährige in Klettendorf bei Breslau. Im Reichsbanner engagiert es sich für die Errungenschaften der Weimarer Verfassung.

Im April 1932 werden die nationalsozialistischen SA und SS wegen zunehmender Gewalttaten per Notverordnung reichsweit verboten. Unmittelbar nach der Aufhebung dieses Verbots am 14. Juni 1932 eskaliert die politisch motivierte Gewalt erneut. Besonders am 10. Juli 1932 kommt es überall im Reich zu gewaltsamen Übergriffen von Rechtsextremisten, so auch in Kanth, einer Kleinstadt südwestlich von Breslau. Durch Kanth führt an diesem Tag eine Protestdemonstration gegen einen Überfall auf Mitglieder der Arbeiterjugend eine Woche zuvor. Viele Menschen aus Breslau und Umgebung nehmen daran teil, so auch Erdmann Tilke.

Zusammen mit zwei anderen Reichsbanner-Männern führt er den Protestzug an, als es in der Altstadt von Kanth zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Nationalsozialisten kommt, in deren Verlauf unzählige Schüsse fallen. Dabei werden mehrere Personen schwer verletzt. Die drei Reichsbanner-Männer von der Spitze des Zuges müssen mit Schussverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Erdmann Tilke stirbt zwei Tage später an den Verletzungen.

Die Beisetzung erfolgt unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und unter Beteiligung der Eisernen Front sowie der KPD. In einem Gerichtsverfahren werden im September 1932 123 Zeugen zu den Vorkommnissen in Kanth vernommen. Der Todesschütze wird nicht ermittelt.

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